NachleseStand 15. September 2026Quellenstand: 8.–12. September 2026
PISA 2025 in Deutschland: Die Debatte der ersten Woche
Die OECD hat am 8. September 2026 die Ergebnisse von PISA 2025 vorgelegt. Deutschland erreicht in allen drei Kernbereichen die niedrigsten Werte seit Beginn der Studien. Diese Nachlese ordnet die Befundlage, die konkurrierenden Ursachendeutungen und – im Schwerpunkt – die vorgelegten Handlungsempfehlungen auf wissenschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene.
Inhalt
- Die Befundlage – was tatsächlich gemessen wurde
- Wissenschaftliche Ebene: Ursachendeutungen und Kontroversen
- Die 13 Handlungsoptionen des nationalen Konsortiums
- Politische Ebene: Bund, Länder, Fraktionen
- Gesellschaftliche Ebene: Verbände, Wirtschaft, Zivilgesellschaft
- Social Media und Community-Diskurs
- Synthese: Konsens, Konflikt, Leerstellen
- Quellen
01
Datengrundlage
Die Befundlage – was tatsächlich gemessen wurde
PISA 2025 ist die neunte Erhebungsrunde. Getestet wurde vom 31. März bis 23. Mai 2025; weltweit nahmen rund 760.000 Jugendliche in 91 Staaten und Regionen teil. In Deutschland waren es 6.659 Schülerinnen und Schüler an 246 Schulen, repräsentativ für etwa 717.900 Fünfzehnjährige (rund 93 % der Alterskohorte). Die OECD stellt ausdrücklich fest, dass alle deutschen Daten die PISA-Qualitätsstandards erfüllten. Schwerpunktdomäne waren die Naturwissenschaften; neu erhoben wurde „Lernen in der digitalen Welt“ mit der Teilkompetenz modellbasiertes Problemlösen. Die Ergebnisse zu Englisch als Fremdsprache und zum selbstregulierten Lernen folgen erst 2027.
Mittlere Kompetenzen Deutschland, PISA 2025
Naturwissenschaften486OECD 482 · EU 476 · 2022: 492
Lesen465OECD 461 · EU 451 · 2022: 480
Mathematik464OECD 463 · EU 460 · 2022: 475
Modellbas. Problemlösen498OECD 500 · EU 492 · erstmals erhoben
Veränderung gegenüber 2022: Naturwissenschaften −6 (nicht signifikant), Mathematik −11, Lesen −15 Punkte. Im OECD-Durchschnitt betrugen die Rückgänge −3 / −9 / −14 Punkte. Deutschland liegt damit in allen drei Bereichen statistisch im OECD-Durchschnitt – in den Naturwissenschaften erstmals seit 2006 nicht mehr darüber.
Der zentrale Befund ist nicht der Mittelwert, sondern die Verteilung. Der Anteil ohne gesicherte Basiskompetenzen ist seit 2015 um 17 (Mathematik), 15 (Lesen) und 10 Prozentpunkte (Naturwissenschaften) gestiegen; gleichzeitig schrumpft die Spitzengruppe.
Kompetenzstufenverteilung Deutschland, Anteile in Prozent
unter Stufe II – keine sicheren Basiskompetenzen Stufe II–IV Stufe V/VI – hohe Kompetenzen
Spitzengruppe seit 2015: Naturwissenschaften 11 → 9 %, Mathematik 13 → 8 %, Lesen 12 → 7 %. Nur noch 3 % erreichen in allen drei Bereichen Stufe V oder VI. Umgekehrt verfügt rund ein Fünftel der 15-Jährigen in keinem der drei Bereiche über ausreichende Basiskompetenzen – OECD-weit ist dieser Anteil von 16 % (2022) auf 20 % gestiegen.
Bildungsungleichheit: der eigentliche Aufreger
Der Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlicher Kompetenz und sozioökonomischem Status ist in Deutschland so stark wie zu keinem Zeitpunkt seit dem Studienbeginn im Jahr 2000 – und er ist seit 2015 gegen den OECD-Trend wieder gewachsen.
Soziale Herkunft und Naturwissenschaftsleistung
Erklärte Varianz (ESCS)19 %OECD-Durchschnitt 11,6 %
Abstand oberstes/unterstes Quartil125Punkte · OECD 85
Resiliente Benachteiligte9 %OECD ca. 12 %
Hohe Kompetenz erreichen2 % / 25 %benachteiligt / privilegiert
Der Zusammenhang ist rund dreimal so stark wie in Kanada und doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen. Zugleich zählen 36 % der deutschen Jugendlichen zum obersten internationalen ESCS-Quartil; deren Naturwissenschaftsmittelwert liegt bei 551 Punkten.
Für die Debatte entscheidend ist eine Differenzierung, die das nationale Konsortium ausdrücklich vornimmt: In der gemeinsamen Betrachtung von sozialer Herkunft, Zuwanderungshintergrund und Geschlecht ist die soziale Herkunft der mit Abstand wichtigste Faktor. Unterschiede nach Zuwanderungshintergrund fallen deutlich geringer aus, sobald soziale Herkunft und weitere Merkmale kontrolliert werden – umgekehrt gilt das nicht. Studienleiter Samuel Greiff hat das in der Kommunikation zugespitzt:
„Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien.“Samuel Greiff, Leiter des deutschen PISA-Teils (ZIB/TUM), dpa
Diese Aussage ist zum meistumkämpften Satz der Woche geworden (siehe Abschnitt 02 und 04).
Schulart, Geschlecht, Unterricht
Die Leistungsabstände zwischen Gymnasium und nicht-gymnasialen Schularten sind größer als fast jeder andere in PISA ausgewiesene Gruppenunterschied. Die Stichprobe verteilt sich auf 36 % Gymnasium, 61 % nicht-gymnasiale Schularten und rund 3 % Berufs- bzw. Förderschulen.
Kompetenzabstand Gymnasium – nicht-gymnasiale Schularten
Balkenlänge proportional zur Punktdifferenz (Skala 0–200 Punkte). Zum Vergleich: Der soziale Gradient beträgt 125 Punkte, der Geschlechterunterschied im Lesen 25 Punkte.
Geschlecht: Naturwissenschaften 487 (Jungen) zu 484 (Mädchen) – kein bedeutsamer Unterschied; Lesen 478 (Mädchen) zu 453 (Jungen); Mathematik 469 zu 458 zugunsten der Jungen; modellbasiertes Problemlösen 508 zu 486 zugunsten der Jungen. Der neue digitale Kompetenzbereich reproduziert also die größte Geschlechterlücke der Erhebung.
Unterrichtsqualität fällt im internationalen Vergleich ungünstig aus: Klassenführung und konstruktive Unterstützung durch die Lehrkraft werden von den Schülerinnen und Schülern schlechter eingeschätzt als im OECD-Durchschnitt, nur die kognitive Aktivierung liegt im Mittel. 52 % besuchen Schulen, deren Leitung eine Beeinträchtigung durch Lehrkräftemangel meldet (OECD 39 %) – immerhin ein Rückgang gegenüber 73 % im Jahr 2022.
Kontextbefunde, die die Debatte prägen
- Haltung zur Schule: 33 % stimmen zu, die Schule sei „Zeitverschwendung“ (OECD 24 %), +4,0 Prozentpunkte seit 2022. Der Anteil derer, die sich bei schwierigen Aufgaben besonders anstrengen, sank um 7,9 Punkte auf 64 %.
- Elternhaus: 73 % berichten, mindestens wöchentlich nach der Schule gefragt zu werden (2022: 81 %); 41 % sprechen wöchentlich über Probleme (2022: 57 %). Die Bildungsaspirationen der Eltern liegen unter dem OECD-Durchschnitt.
- Digitales: 1,7 Stunden tägliche Gerätenutzung zum Lernen (wie OECD); 33 % berichten von digitaler Ablenkung im Naturwissenschaftsunterricht (OECD 28 %). An Schulen mit Handyverbot auf dem Gelände – das sind in Deutschland 64 % (OECD 49 %) – ist die Ablenkungswahrscheinlichkeit um rund 22 % geringer.
- KI: 50 % nutzen mindestens wöchentlich KI-Chatbots zum Lernen (OECD 46 %), nur 9 % nie. Die OECD berichtet: Wer KI zum Entwerfen von Texten nutzt, schneidet schlechter ab; unter den Vielnutzenden schneiden diejenigen besser ab, die gelernt haben, KI-Ausgaben auf Qualität zu prüfen. Entscheidend ist laut nationalem Bericht die Qualität des Zugangs, nicht die Häufigkeit der Nutzung.
- Mobbing: 31 % berichten mindestens einige Male pro Monat von einer Mobbingform (OECD 20 %); Cybermobbing-Betroffene (5 %) erzielen 37 Punkte weniger.
- Positiv: Rund drei von vier Jugendlichen fühlen sich ihrer Schule zugehörig – überdurchschnittlich im internationalen Vergleich; Freude und Interesse an Naturwissenschaften sind gegenüber 2015 gestiegen. Unentschuldigtes Fehlen liegt unter dem OECD-Schnitt (14 % vs. 22 % ganze Tage), ist aber gegenüber 2022 gestiegen.
International: Über alle OECD-Staaten sank die Lesekompetenz zwischen 2015 und 2025 um 28 Punkte (rund 1,5 Lernjahre), Mathematik um 22 Punkte. Naturwissenschaften blieben 2022–2025 OECD-weit stabil. Verbessert haben sich seit 2015 u. a. Litauen, die Slowakei, Türkiye, Georgien, Montenegro, Katar, Thailand, die VAE und Uruguay. In den Top 10 aller drei Bereiche: chinesische Teilnehmerregionen, Estland, Japan, Korea, Singapur, Chinesisch Taipei – und das Vereinigte Königreich.
02
Ebene I
Wissenschaftliche Ebene: Ursachendeutungen und Kontroversen
Die wissenschaftliche Kommunikation war in dieser Woche bemerkenswert einheitlich – und genau darin liegt der Streitpunkt. Das nationale Konsortium (Herausgeberschaft: Samuel Greiff, Jennifer Diedrich, Tamara Kastorff, Frank Goldhammer, Olaf Köller) und die OECD lieferten weitgehend deckungsgleiche Deutungen; Widerspruch kam vor allem aus der Fachöffentlichkeit und von Verbänden.
Deutung 1: Kein Corona-Effekt, sondern ein Struktur- und Prioritätenproblem
Greiff argumentiert explizit gegen die beiden naheliegenden Entlastungserzählungen. Zu Corona: Bei PISA 2022 sei sich die Forschungsgemeinschaft über den Pandemieeffekt weitgehend einig gewesen; 2025 sei das Bild differenziert – „es gibt eine Reihe von Staaten, die ihre Ergebnisse zumindest stabilisiert“ oder verbessert hätten. „In Deutschland sehen wir weder das eine noch das andere.“ Seine eigene Erklärung ist politökonomisch:
„Nach PISA 2000 haben wir uns deutlich verbessert, das hat unglaubliche Reformkräfte freigesetzt. Aber seit 10 Jahren beobachten wir einen Knick. Es war offenbar der Eindruck, dass wir jetzt ganz gut dastehen und dass die große Aufholjagd geschafft ist. Und dann wurde das Thema Bildung nicht mehr ganz so wichtig genommen.“Samuel Greiff, dpa / MiGAZIN, 8. September 2026
Zum Vergleichsargument („Estland hat kaum Einwanderung, Kanada selektiert“) hält Greiff entgegen, das sei „die eigentliche Stärke von PISA“: Kanada sei ebenfalls stark föderal, habe nicht einmal ein Bundesbildungsministerium – und steuere dennoch konsequent datengestützt.
Deutung 2: Anspruchsverlust – die OECD-Lesart
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher setzt einen schärferen Akzent. Seine Kernthese ist nicht Ressourcenmangel, sondern Ambitionsverlust und frühe Sortierung:
„Das Bildungssystem in Deutschland ist ambitionslos geworden. Minderleistungen nimmt man oft einfach so in Kauf.“Andreas Schleicher, WDR 5, 9. September 2026
Er kritisiert, dass Anforderungen abgesenkt statt Unterstützung erhöht werde – „Man sagt jungen Menschen sehr früh: Hat nicht so gut geklappt, geht mal auf eine Schulform, wo das nicht so schwierig ist“ – und bezieht das insbesondere auf Jugendliche mit Migrationshintergrund. Zwei weitere Befunde beunruhigen ihn: ein wachsender Anteil Jugendlicher, die sich im Zweifel „auf mein Bauchgefühl“ statt auf Evidenz verlassen, und die „Erwartungshaltung […], für mittelmäßige Leistungen gute Noten zu bekommen“. Als Referenzsysteme nennt er England (gezielte Mittelverteilung seit rund 20 Jahren, Struktur und Disziplin), Kanada (Migrationshintergrund nach zwei Jahren kaum noch leistungswirksam) und die chinesischen Regionen (11–12 Unterrichtsstunden pro Woche, dafür Zeit für Einzelförderung und kollegiale Unterrichtsentwicklung).
Deutung 3: Lesen als Wurzelursache – und der digitale Rezeptionswandel
Francesco Avvisati (OECD), Autor der deutschen Ländernotiz, betont das Leseverhalten: Der Anteil „flüchtig Lesender“ – Jugendliche, die Texte überfliegen und schnelle, aber falsche Antworten geben – hat sich zwischen 2018 und 2025 nahezu verdoppelt. Bemerkenswert dabei: die stärksten Rückgänge verzeichnete das sozioökonomisch privilegierteste Viertel. Da schwächere Lesekompetenz auch die Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften mitbestimmt, leitet die OECD daraus eine inhaltliche Konsequenz ab – weniger Stoff, gründlicher durchdrungen, und ein Unterricht, der von vermeidbaren digitalen Ablenkungen freigehalten wird. OECD-Generalsekretär Mathias Cormann formulierte es so: Die erfolgreichsten Systeme „focus on fewer areas in greater depth, invest in teachers, engage parents and provide targeted support“.
Deutung 4: Die bildungsökonomische Rechnung
Ludger Wößmann (ifo Zentrum für Bildungsökonomik) übersetzt den Befund in Wohlstandsverluste: Den Rückgang allein seit 2022 beziffert er langfristig mit drei bis vier Prozent geringeren Erwerbseinkommen, gegenüber 2018 mit neun bis zehn Prozent. Sein oft zitierter Vergleich: Die heutigen 15-Jährigen liegen auf dem Niveau, das vor gut zehn Jahren 13- bis 13,5-Jährige erreichten. Sein Maßnahmenbündel – höhere Standards, Transparenz durch regelmäßige Tests, mehr Schulautonomie, gezielte Förderung Benachteiligter, verbindliche Sprachtests vor der Schule – ist das im politischen Raum am häufigsten aufgegriffene wissenschaftliche Rezept dieser Woche.
Umstritten: die Rolle der Zuwanderung
Der Befund des Konsortiums – soziale Herkunft dominiert, Migrationseffekte schrumpfen nach Kontrolle deutlich – wurde unmittelbar angegriffen. Cicero-Redakteur Ferdinand Knauss titelte am Erscheinungstag, die „Pisa-Autoren stellen sich blind für die Hauptursache des Bildungsproblems“, und sieht einen „unübersehbaren“ Zusammenhang mit der Asylmigration. Aus den Ländern nennen mehrere Ministerinnen und Minister Zuwanderung als Mitursache, etwa NRW-Schulministerin Dorothee Feller. Fachlich präzise ist der Einwand, der in der Blogdiskussion bei Jan-Martin Wiarda formuliert wurde: Die Leistungsdifferenz zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund fällt in Finnland – dem europäischen Referenzland vieler Reformdebatten – nach der OECD-Übersetzung des Band I ähnlich groß aus wie in Deutschland. Die Schlussfolgerung dort: „PISA ist zur Projektionsfläche für vorgefasste Meinungen geworden.“
Bewertung für die weitere Arbeit: Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht zwingend. Das Konsortium trifft eine Aussage über relative Erklärungsanteile bei Kontrolle der sozialen Lage; die Kritik zielt auf Bruttodifferenzen und auf die Zusammensetzung der Schülerschaft. Beides sind unterschiedliche Fragen – die politische Debatte behandelt sie als dieselbe. Wer hier sauber argumentieren will, muss Brutto- und Nettodifferenzen sowie Kompositions- und Systemeffekte konsequent trennen.
Umstritten: Kompetenzorientierung versus Fachwissen
Schleichers Verweis auf England hat eine zweite, in Deutschland brisantere Schicht. Die englischen Reformen seit 2010 – dargestellt vom langjährigen Schulminister Nick Gibb – ersetzten einen kompetenzorientierten Lehrplan durch einen wissensorientierten, übernahmen Teile des Singapurer Mathematiklehrplans von 2007 und koppelten dies an eine gezielte Zusatzfinanzierung (rund 1.000 Pfund jährlich pro anspruchsberechtigtem Kind, etwa ein Fünftel der Schülerschaft). Gibbs Argument: „Kompetenzen können nicht unmittelbar unterrichtet werden. Sie sind Ausdruck von erworbenem Fachwissen.“ Diese Linie stützt in Deutschland vor allem der Philologenverband und – vorsichtiger – der Deutsche Lehrerverband, der „eine Lanze brechen“ will „für grundlegendes Fachwissen, das nicht für die Konzentration auf Kompetenzen vernachlässigt werden darf“ (Stefan Düll).
Umstritten: Reichweite und Deutungsmacht von PISA
Ein dritter Strang zielt auf das Instrument selbst. Düll warnt davor, PISA „auf Punktwerte, Ranglisten oder einzelne tagesaktuelle Schlagzeilen zu reduzieren“; die DPhV-Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing spricht von „keinem dramatischen Einbruch, aber auch keiner echten Trendwende“. Armin Himmelrath hat bei Table.Briefings unter dem Titel „Nicht alle naheliegenden Erklärungsansätze sind richtig“ fünf Fehlschlüsse beim Lesen der Studie aufgelistet (Beitrag hinter Paywall, Inhalt hier nicht geprüft). Jan-Martin Wiarda wiederum richtet die Kritik auf die Politik: Das rhetorische Muster „Die Probleme sind gewaltig, aber wir handeln ja, es dauert nur“ sei identisch mit den Reaktionen auf PISA 2022 und – abgeschwächt – 2019.
03
Schwerpunkt
Die 13 Handlungsoptionen des nationalen Konsortiums
Anders als frühere Berichtsbände enthält PISA 2025 einen ausformulierten Empfehlungsteil: Zu jedem der vier Berichtsteile werden Handlungsoptionen benannt. Sie sind die inhaltlich belastbarste Empfehlungsgrundlage der Woche – und sie wurden in der politischen Rezeption fast durchgängig auf die drei vom ZIB in der Pressekommunikation hervorgehobenen Punkte verkürzt (frühe Diagnostik und Förderung, datengestützte Lernbegleitung, bedarfsorientierte Schulausstattung).
| Berichtsteil | Nr. | Handlungsoption |
|---|---|---|
| I Kognitive Kompetenzen | 1 | Kompetenzförderung datengestützt steuern und ihre Effektivität kontinuierlich prüfen |
| 2 | Ausreichende Basiskompetenzen für alle Schüler*innen systematisch sichern | |
| 3 | Potenziale kompetenzstarker Schüler*innen systematisch fördern | |
| 4 | Frühe Bildungsprozesse nutzen, um Kompetenzerwerb anzubahnen | |
| II Bildungsungleichheit | 5 | Ressourcen bedarfsorientiert zuweisen |
| 6 | Frühzeitige Diagnostik und Förderung verbindlich und verpflichtend etablieren | |
| 7 | Ganztagsschulen gezielt pädagogisch nutzen | |
| III Sozial-emotionale Merkmale | 8 | Schule als ganzheitlichen Lebens- und Entwicklungsraum gestalten |
| 9 | Naturwissenschaftliche Identität als integralen Bestandteil naturwissenschaftlicher Bildung stärken | |
| IV Kontexte des Lernens | 10 | Schulabsentismus frühzeitig erkennen und pädagogisch begegnen |
| 11 | Lehrkräfteprofessionalisierung an veränderten Anforderungen ausrichten | |
| 12 | Digitale Lernangebote strategisch entwickeln und lernwirksam umsetzen | |
| 13 | Kooperation zwischen Schule, Familie und Sozialraum nachhaltig etablieren |
Wortlaut nach der frei zugänglichen Zusammenfassung des nationalen Berichtsbands (Waxmann 2026, CC BY-SA 4.0). NRW-Schulministerin Feller sprach in ihrer Reaktion von „elf wissenschaftlich gestützten Handlungsoptionen“ – die veröffentlichte Zusammenfassung weist 13 aus.
Was das Konsortium in der Pressekommunikation zuspitzt
- Unterstützungsbedarf früh identifizieren, Kleinkinder gezielt fördern. „Die meisten Lernprobleme beginnen nicht erst in der Schule. […] Vor allem die Kenntnis der Unterrichtssprache ist der Schlüssel zu allen anderen Fächern.“ Erfolgreiche Systeme setzten auf frühe Diagnostik und verbindliche Förderung.
- Lernentwicklung datenbasiert begleiten. Kanada zeige, dass kurze, regelmäßige Tests Lernfortschritt „quasi in Echtzeit“ sichtbar machen – „nicht für mehr Noten, sondern damit Lehrkräfte pädagogisch reagieren können“.
- Schulen nach Unterstützungsbedarf ausstatten. „Wenn Schulen sehr unterschiedliche Herausforderungen bewältigen müssen, dürfen sie nicht alle gleich ausgestattet werden.“
Greiffs Schlusssatz – „Bildungssysteme können sich verändern. Das zeigen viele andere Staaten – und das hat Deutschland nach dem PISA-Schock vor 25 Jahren selbst eindrucksvoll bewiesen“ – wurde in der Berichterstattung fast durchgängig als Entlastungsformel verwendet.
04
Ebene II
Politische Ebene: Bund, Länder, Fraktionen
Bund und Länder traten am 8. September gemeinsam auf – mit einer gemeinsamen Pressemitteilung unter dem Titel „Deutschland muss mehr können – Bund und Länder setzen auf gemeinsame Trendumkehr“. Die Botschaft war doppelt: Betroffenheit plus Verweis auf bereits laufende Reformen.
Bund · BMBFSFJ Karin Prien (CDU), Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
„Die Ergebnisse von PISA 2025 sind für Deutschland dramatisch.“ Zugleich: „Anders als beim PISA-Schock 2000 haben wir heute einen Plan, jeder in seiner Verantwortung. Anders als damals kennen wir heute die Antworten und müssen sie konsequent und nachhaltig umsetzen.“ Gegenüber dpa: „Es nützt aber nichts, darüber zu lamentieren.“
Maßnahmen: Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) für die Kitas, frühe Erkennung von Förderbedarfen, Sprachstandsfeststellung, Startchancen-Programm, DigitalPakt 2.0, QuaMath, Ganztagsausbau, Lehrkräftebildung, gemeinsame Bund-Länder-Roadmap. Ausdrücklich gegen einen Sondergipfel: „Dafür braucht es keinen kurzfristigen Aktionismus, sondern einen langfristigen gemeinsamen Kurs.“
Bund · Bundeskanzleramt Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler – Generaldebatte, 9. September
Die Ergebnisse seien „ernüchternd“. Er bot den Ländern „eine große Kraftanstrengung“ an, betonte aber: Bildung und Erziehung könne man „nicht an den Staat outsourcen“, auch die Familien hätten Verantwortung.
Wirkung: Dieser Satz wurde zum politischen Konfliktpunkt der Woche – und zur Bruchlinie zwischen einer individualisierenden und einer institutionellen Ursachenzuschreibung.
Länder · BMK-Präsidentin Anna Stolz (Freie Wähler), Bayerns Kultusministerin
„Die Ergebnisse von PISA 2025 sind inakzeptabel, kommen nach den vergangenen Bildungsstudien aber nicht überraschend.“ Eine Trendumkehr brauche „konsequentes Handeln und auch einen langen Atem“.
Bayern: sechs zusätzliche Wochenstunden Deutsch und Mathematik in der Grundschule, verbindliche Sprachstandserhebung rund eineinhalb Jahre vor Einschulung mit anschließender Pflichtförderung, wissenschaftsbasierte Diagnostik. Prüfauftrag: Lehrkräftebildung.
Die Länder: Verweis auf laufende Programme – mit unterschiedlichen Akzenten
| Land / Person | Bewertung | Konkrete Maßnahme oder Akzent |
|---|---|---|
| NRW · Dorothee Feller (CDU) | „erschreckend schwach“ | Schulkompass NRW 2030: mehr Deutsch und Mathematik, verbindliche Lesezeiten, Lernstandserhebungen, datengestützte Schulentwicklung, gezielte Förderung belasteter Schulen. Nennt Corona-Nachwirkungen und Zuwanderung als Einflussfaktoren; warnt: mindestens zehn Jahre bis zur Wirkung. |
| Baden-Württemberg · Andreas Jung (CDU) | trifft „bis ins Mark“ | Stellt den Diagnosezeitpunkt infrage: ob Sprach- und Entwicklungsstände „noch früher“ als im Schnitt mit 4,3 Jahren erfasst werden können. 30 % der Kinder im Land seien nicht ausreichend auf den Schulstart vorbereitet. |
| Rheinland-Pfalz · Ute Eiling-Hütig (CDU) | „klarer Weckruf“ | Beschleunigung laufender Maßnahmen: frühkindliche Bildung, frühe Sprachstandserhebungen, Ausbau Naturwissenschaften und Informatik. Verknüpft PISA mit dem geplanten Verbot privater Handynutzung während der Schulzeit. |
| Hessen · Armin Schwarz (CDU) | „alarmierend“ | Bildungschancenpaket: zusätzliche Deutschstunde in Klasse 1, Lesezeiten, Matheförderstunden, neues Fach „KI und Digitale Welt“, Smartphone-Schutzzonen. |
| Schleswig-Holstein · Dorit Stenke (CDU) | „ganz und gar nicht zufriedenstellend“ | Deutet gesellschaftlich: „Ausdruck einer Gesellschaft, die zunehmend unter Druck steht“ – psychische Belastungen, Heterogenität, veränderte Mediennutzung. |
| Brandenburg · Gordon Hoffmann (CDU) | „dringender Handlungsbedarf“ | Stärkung von Lesen, Schreiben, Rechnen; mehr Lernzeit; frühere Sprachförderung. |
| Saarland · Christine Streichert-Clivot (SPD) | gesellschaftliches Risiko | Kita-Beitragsfreiheit ab 1.1.2027, Leseband und künftig Matheband, zusätzliche Stellen. „Wir müssen weg vom Gießkannenprinzip bei der Schulfinanzierung.“ Fahrplan: Überprüfung des Bund-Länder-Kurses in der BMK im Oktober, erster Gesamtstand zu verbindlichen länderübergreifenden Bildungszielen im Dezember. |
Streichert-Clivot fügt die demokratietheoretische Zuspitzung hinzu, die über die reine Bildungsdebatte hinausweist: Wer zu viele Jugendliche ohne Rüstzeug entlasse, öffne „extremistischen Kräften zusätzliche Möglichkeiten“. Zugleich formuliert sie den offenen Bund-Länder-Konflikt: Beim SCQEG bleibe der Bund „hinter den gemeinsamen Erwartungen der Länder zurück und will zugleich die Anforderungen erhöhen“ – „Man kann nicht immer mehr Standards verlangen und sich gleichzeitig perspektivisch aus der Finanzierung zurückziehen.“
Die Fraktionen
SPD-Bundestagsfraktion Saskia Esken (Berichterstatterin schulische Bildung), Dagmar Schmidt (stellv. Fraktionsvorsitzende)
Esken: „erneut ein Weckruf“; Deutschland liefere „allenfalls Mittelmaß“. Schmidt fordert ein Krisentreffen von Bund, Ländern und Kommunen: „Bildungsföderalismus darf keine Ausrede für Stillstand sein.“
Konkret: Startchancen-Programm (1 Mrd. € Bundesmittel jährlich über zehn Jahre) erreicht derzeit rund 10 % der Schulen – Ausbau auf 30–50 % über einen höheren Beitrag „sehr hoher Vermögen und Erbschaften“; Fokus auf Lesen und Rechnen; Ganztagsanspruch als Förderzeit; Kita-Qualitätsstandards, frühe Entwicklungsstandserhebung; perspektivisch beitragsfreie Kita. Bildungsgipfel gefordert – gegen die Linie der eigenen Ministerin.
Bündnis 90/Die Grünen Anja Reinalter (bildungspolitische Sprecherin), Fraktionsfachtext vom 8. September
Die Ergebnisse zeigten, „wie ungerecht die Chancen in unserem Bildungssystem verteilt sind“. Kritik am „Wettbewerbsföderalismus“, der eine Bildungspolitik „aus einem Guss“ verhindere.
Konkret: Nationale Bildungsoffensive mit verbindlichen nationalen Bildungszielen; Aufstockung des Bund-Länder-Kita-Pakts statt Kürzung; Ausbau des Startchancen-Programms auch in den ländlichen Raum; mehr Mittel für Ganztag; altersgerechte Regulierung sozialer Medien plus Nationaler Medienkompetenzfonds; Einführung einer Schüler-ID und eines Bildungsverlaufsregisters.
Die Linke Nicole Gohlke (stellv. Fraktionsvorsitzende), Heidi Reichinnek (Fraktionsvorsitzende)
Gohlke direkt gegen Merz: „Merz will PISA-Verantwortung ins Wohnzimmer abschieben.“ – „Es ist zynisch, wenn die Bundesregierung Familien erst mit Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, überfüllten Klassen und fehlender Förderung alleinlässt und ihnen dann mangelndes Bildungsinteresse unterstellt.“
Konkret: dauerhaft auskömmliche Finanzierung von Kitas und Schulen, ausreichend Personal, guter Ganztag für alle, Abschaffung des Kooperationsverbots.
AfD Martin Reichardt (bildungs- und familienpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion); Landesebene: Hans-Peter Hörner (BW), Christian Blex (NRW)
Reichardt fordert einen nationalen Bildungsgipfel von Bund und Ländern und eine Konzentration auf Lesen, Schreiben, Rechnen. Auf Landesebene wird PISA durchgängig migrationspolitisch gerahmt („Zeugnis gescheiterter Migrationspolitik“, Blex).
Argumentationsfigur gegen das Konsortium (Hörner): „Wer Migration aus der PISA-Debatte herausdefiniert, macht es sich zu einfach. […] Migration, Sprachkompetenz und soziale Lage sind keine voneinander unabhängigen Größen.“ Zugleich Ablehnung zusätzlicher Medienbildungsstunden in der Grundschule: „KI-Kompetenz ersetzt keine Lesekompetenz.“
Bundesregierung · Integrationsbeauftragte Natalie Pawlik (SPD)
„Pisa zeigt erneut: In Deutschland entscheiden soziale Herkunft und familiäre Lebensbedingungen stärker als in anderen Ländern über den Bildungs- und Lebensweg eines Kindes.“
Konkret: verpflichtendes letztes Kita- oder Vorschuljahr, verbindliche Sprachstandserhebungen, Zugang geflüchteter Kinder zu Kita und Schule bereits während des Asylverfahrens.
Die vier politischen Konfliktlinien der Woche
- Gipfel oder Kurs. SPD-Fraktion und AfD fordern (aus unterschiedlichen Motiven) einen Bildungsgipfel; Prien lehnt „kurzfristigen Aktionismus“ ab und verweist auf die Bund-Länder-Roadmap „Bessere Bildung“. Der Kanzler bietet den Ländern eine „Kraftanstrengung“ an, ohne Format zu nennen.
- Verantwortungszuschreibung Staat oder Elternhaus. Merz’ „Outsourcing“-Satz kollidiert mit dem PISA-Befund, dass gerade die starke Abhängigkeit vom Elternhaus das Problem ist. Schleicher stützt den Elternpunkt inhaltlich – allerdings mit anderer Stoßrichtung (Wertschätzung von Lernen, nicht Hausaufgabenbetreuung).
- Kita-Finanzierung. Das SCQEG ist der akute Bund-Länder-Streitpunkt: Länder werfen dem Bund vor, weniger Geld bei höheren Auflagen zu geben; Prien verweist auf acht Jahre Planungssicherheit.
- Migration als Erklärung. Von den Ländern teils benannt, vom Konsortium relativiert, von der AfD zentral gesetzt.
05
Ebene III
Gesellschaftliche Ebene: Verbände, Wirtschaft, Zivilgesellschaft
Auffällig ist die Aufgabenteilung: Die Lehrkräfteverbände dämpfen die Skandalisierung und verschieben die Zuständigkeit nach vorn (Vorschule) und nach außen (Gesellschaft, Politik). Die Gewerkschaft, die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft eskalieren – mit gegensätzlichen Begründungen.
Deutscher Lehrerverband Stefan Düll, Präsident
„Diese Befunde dürfen nicht relativiert werden.“ Zugleich: „Deutschland darf weder in Alarmismus noch in Selbstzufriedenheit verfallen.“ PISA sei „ein wichtiges Diagnoseinstrument, aber nicht der alleinige Maßstab“.
Forderungen: verbindliche Sprachstandsdiagnostik vor Schuleintritt, gezielte Förderung und Spitzenförderung, ausreichend qualifiziertes Personal, Stärkung der Lehrkräftebildung, verlässliche Investitionen. Eigener Akzent: Schutz der kontinuierlichen Unterrichtszeit vor „Projekten und Aktionen“ – und eine Aufwertung des Fachwissens gegenüber reiner Kompetenzorientierung.
Deutscher Philologenverband Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende
„Schluss mit Schuldzuweisungen“ an Schulsystem und Lehrkräfte. „Bildungsgerechtigkeit und Leistungsorientierung sind keine Gegensätze, sie bedingen einander.“
Acht Forderungen: verbindliche vorschulische Sprachdiagnose und -förderung; Förderung vertieften Lesens und fachlicher Tiefe; Rückbesinnung auf das Fachlehrerprinzip; qualitätsorientierter Abbau des Lehrkräftemangels statt fachfremden Einsatzes; keine weitere Verkürzung des Referendariats; Entlastung von unterrichtsfernen Aufgaben und Senkung des Deputats; unterrichtsbezogener KI-Einsatz für Feedback und Übung; zielgerichtete Investitionen in Infrastruktur und Fortbildung.
Verband Bildung und Erziehung Tomi Neckov, Bundesvorsitzender
„Die PISA-Ergebnisse sind kein Zeugnis für schlechten Unterricht – sie sind eine Quittung für gesellschaftliche Entwicklungen.“ Beleg dafür sei, dass auch die skandinavischen Vorbilder einbrechen (Dänemark: −16 Naturwissenschaften, −19 Mathematik, −29 Lesen).
Forderungen: eine „vernetzte Förderkulisse“ statt Einzelprojekte; multiprofessionelle Zusammenarbeit mit klarer Rollenverteilung und Kooperationszeiten; Erhalt der Leseförderprojekte und des Vorlesens (Verweis auf das Hamburger Leseband). Zur KI: „Wer KI für Schulaufgaben nutzt, wird nicht klüger, sondern nur schneller fertig“ – der Zugang zu reflektiertem „KI-Sparring“ sei selbst sozial ungleich verteilt und damit „ein weiterer Katalysator für Bildungsungerechtigkeit“.
GEW Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied Schule
Die schärfste Systemkritik der Woche: „Ein Vierteljahrhundert PISA-Maßnahmen haben unterm Strich nichts gebracht.“ Das Schulsystem mildere die Kopplung von Herkunft und Erfolg nicht – „im Gegenteil: Es zementiert und verstärkt sie sogar.“ Und: „Das gesamte Schulwesen gehört mittlerweile auf den Prüfstand.“
Forderungen: Masterplan gegen Bildungsarmut und soziale Ungerechtigkeit (seit 2023 erhoben); inklusive Gesamtstrategie, die Schulleistungen, Professionalisierung, Chancengleichheit, Wohlbefinden und „gute Arbeit“ verzahnt; deutlich bessere Bildungsfinanzierung; Verstetigung des Startchancenprogramms („sonst ein Tropfen auf den heißen Stein“); multiprofessionelle Teams; 15-Punkte-Programm gegen den Lehrkräftemangel. Ausdrücklich kritisch gegenüber der Steuerungslogik seit 2001: Qualität sei zu sehr über „Standards, Tests und Vergleiche“ definiert worden – zulasten pädagogischer Vielfalt und guter Arbeitsbedingungen.
Eltern Bundeselternrat
PISA habe keine neuen Erkenntnisse gebracht. „Es kann nicht die Antwort auf sinkende Kompetenzen sein, noch eine Studie zu veröffentlichen und anschließend die nächste Arbeitsgruppe einzusetzen.“ Die entscheidende Frage sei: „Was benötigen wir, um schneller und wirksamer ins Handeln zu kommen?“
Schülerinnen und Schüler Bundesschülerkonferenz
Widerspruch gegen den Basiskompetenz-Konsens: „Jetzt ein weiteres Mal den Fokus auf die Stärkung der Basiskompetenzen zu legen, wird uns langfristig nicht weiterhelfen. Das Grundproblem liegt an anderer Stelle: Wer sich nicht wohlfühlen und nicht partizipieren kann, kann auch nicht lernen.“
Benennt Leistungsdruck, Mobbing und soziale Medien; fordert Sicherheit im digitalen Raum, digitale Ausstattung und Medienkompetenz. Diese Position deckt sich mit den PISA-Befunden zu Mobbing (31 %) und Zugehörigkeit, nicht aber mit den Kompetenzbefunden – der einzige offene Zielkonflikt zwischen Betroffenen und Fachwelt.
Kinderrechte Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer Deutsches Kinderhilfswerk
Die Benachteiligung armutsbetroffener Kinder widerspreche „dem Recht jedes Kindes auf diskriminierungsfreien Zugang zu Bildung“.
Forderungen: finanzielle Ressourcen mobilisieren, Lehrkräftemangel angehen, Kinderrechte und Beteiligung als Leitbild jeder Schule, Persönlichkeitsbildung (Politik-/Ethikunterricht), massive Investitionen in den Ganztag (Gebäude, Ausstattung, multiprofessionelle Teams), Stärkung außerschulischer Bildung und Offener Kinder- und Jugendarbeit.
Zivilgesellschaft Bündnis „Bildungswende JETZT!“ (über 200 Organisationen) – Sandra Noa, Janne Schmidmann
Die Krise sei seit Jahren sichtbar; die Zahlen belegten vor allem, „dass viel zu lange zu wenig passiert ist“. Entscheidend sei nicht der Rangplatz, sondern wie viele junge Menschen das System zurücklasse.
Forderungen: mehr Personal, multiprofessionelle Teams, Inklusion, deutlich höhere Investitionen. Konkrete Aktion: bundesweiter Bildungsprotesttag am 19. September 2026, zentral in Köln (Demo ab 11 Uhr Friesenplatz, Kundgebung 13 Uhr Heumarkt), weitere Orte u. a. Bielefeld, Bochum, Nürnberg und eine Aktion auf der Glienicker Brücke. Motto der bayerischen Aktion: „Bildungsbunker machen krank“.
Wirtschaft · Arbeitgeber Rainer Dulger, Präsident der BDA
PISA habe dem „Land der Dichter und Denker schon wieder einen blauen Brief geschickt“.
Forderungen: verbindlichere Standards, regelmäßige Lernstandserhebungen – und vor allem eine Wirksamkeitsprüfung bestehender Programme: Neue Programme aufzulegen, ohne zu prüfen, was die alten bringen, reiche nicht.
Wirtschaft · Bildungsbranche Jens Brandenburg, Geschäftsführer didacta Verband
Deutschlands Schülerinnen und Schüler bräuchten „keine routinierten Krokodilstränen in der PISA-Woche, sondern dauerhafte Vorfahrt für Bildung“.
Konkreter Vorwurf: Während ein Viertel der Schulen über fehlende Lehr- und Lernmittel klage, würden im Bundeshaushalt Investitionen in die frühe Bildung gekürzt. Politisch pikant: Brandenburg kommentierte PISA 2022 noch als BMBF-Staatssekretär.
Frühe Bildung Stefan Spieker, Geschäftsführer Fröbel
Basiskompetenzen dürften nicht erst am Ende der Bildungskette zum Thema werden.
Fordert regelmäßige, wissenschaftlich fundierte Sprachstandserhebungen bereits in den Kitas – verbunden mit konkreten Förderangeboten, und ohne Zuständigkeits- und Finanzierungsstreit zwischen Bund, Ländern und Kommunen.
Zwei weitere, wenig beachtete Vorschläge
- Alexander Brand (Lehrer und Bildungsjournalist, Autor von „Die Bildungsweltmeister“, rund ein halbes Jahr Hospitation in etwa 30 Schulen in Finnland, Estland, Japan und Singapur): In leistungsstarken Systemen setze Förderung ein, sobald Lernlücken sichtbar werden – nicht erst nach formaler Diagnose. Für Deutschland fordert er schnelle Förderung in kleinen Gruppen und feste Zeitfenster für gemeinsame Fortbildung und Unterrichtsentwicklung.
- Deborah Maffia und Stefan Winter (Ruhr-Universität Bochum) schlagen vor, die Breite des Curriculums an die individuelle Leistungsfähigkeit anzupassen: Leistungsschwächere konzentrieren sich zeitweise auf weniger Fächer und Basiskompetenzen, bei Fortschritten wird das Curriculum wieder breiter. Ihr Motto: „Nicht die Noten atmen, sondern die Curricula.“
Medienrahmung
Die Spannweite der Kommentierung lässt sich an den Überschriften ablesen – von analytisch bis eskalierend: „Das Bildungssystem in Deutschland verliert seinen Anspruch“ (FAZ-Feuilleton), „Bildung muss endlich Priorität haben“ (SZ-Kommentar), „Liebe Lehrer: Pisa ist auch euer Versagen“ (Zeit), „Deutschland verdummt“ (Welt), „Billionenbeträge gehen verloren“ (WirtschaftsWoche), „Setzen, sechs, besser werden!“ (Frankfurter Rundschau) bis zu „PISA-Katastrophe: Diese Bildungspolitik ist Volksverrat“ (Berliner Zeitung). Der Deutsche Bildungsserver hat ein umfangreiches Pressedossier kuratiert, das auch die Stellungnahmen von sieben Landesministerien und den Fraktionen bündelt.
07
Fortschreibung
Nachtrag: Was seit dem 13. September hinzugekommen ist
Stand dieses Nachtrags: 15. September 2026. Geprüft wurden die Fachpresse (news4teachers, bildungsklick), die überregionalen Tageszeitungen (F.A.Z., Tagesspiegel) und die Primärmeldungen. Die Debatte hat sich verlagert, nicht beendet: In der bildungsjournalistischen Fachpresse erschien nach dem 10. September kein weiterer inhaltlicher Beitrag — in den überregionalen Tageszeitungen lief sie dagegen ungebrochen weiter, und zwar mit einer erkennbaren Themenverschiebung.
Die Verschiebung: von „Was ist passiert“ zu „Wer ist zuständig“
Die Beiträge der Tage nach dem 10. September stellen kaum noch Befunde dar. Sie verhandeln Zuständigkeit und Konsequenz — und sie greifen dabei über Schule und Bildungspolitik hinaus.
- Der Blick auf den Arbeitsmarkt. Die F.A.Z. rückt am 14. September unter dem Titel „Die verlorene Jugend“ die Anschlussfrage in den Mittelpunkt: zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne ausreichende Kompetenzen oder brechen die Ausbildung ab, während Unternehmen Fachkräfte suchen. Damit wandert die Debatte an dieselbe Schwelle, an der auch der Bildungsmonitor sein strukturelles Problem verortet.
- Der Blick ins Ausland. Ebenfalls am 14. September ein Interview mit einem Mathematiklehrer, der vier PISA-Musterländer bereist hat — Estland, Singapur, Japan. Der Tenor: Einiges davon sei leicht übertragbar. Bemerkenswert daran ist der Perspektivwechsel vom Systemvergleich zur konkreten Unterrichtspraxis.
- Der Blick auf die Eltern. Am 13. September fragt die F.A.Z., wo Erziehung aufhört und die Bildungsmisere beginnt — „Das Versagen liegt auch bei den Eltern“. Das ist die politisch heikelste Wendung dieser Woche: Sie verschiebt Verantwortung aus dem System in die Familien.
- Der Blick auf das Lesen selbst. Am selben Tag ein hirnforschungsnaher Beitrag mit der Frage, ob man richtig lesen können muss — eine Zuspitzung, die den Befund nicht bestreitet, sondern seine Bedeutung zur Debatte stellt.
- Der Blick auf den Unterricht. Am 12. September ein Erfahrungsbericht zur Frage, ob der Mathematikunterricht zu schlecht sei.
Im Tagesspiegel verlief es parallel: ein Gastbeitrag der Vorsitzenden des Lesementor-Verbandes (12. September), der für gesellschaftliches Engagement jenseits von Kita, Schule und Politik wirbt, und eine Kolumne (11. September), die am britischen Schulreform-Experiment von 1947 prüft, was verlängerte Schulzeit langfristig bringt — mit einem ernüchternden Zwischenergebnis für diejenigen mit dem größten Zeitgewinn.
Auch der Leiter des nationalen PISA-Konsortiums hat sich publizistisch eingebracht: In einem Gastbeitrag vom 10. September argumentiert Samuel Greiff, Abhilfe sei nicht allein Aufgabe der Politik, gefragt sei eine neue gesellschaftliche Haltung zur Bildung.
Der INSM-Bildungsmonitor 2026 (14. September)
Der gewichtigste neue Anlass ist keine Wortmeldung, sondern eine Studie. Am 14. September hat die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft den vom Institut der deutschen Wirtschaft erstellten Bildungsmonitor 2026 vorgestellt — sechs Tage nach PISA und mit ausdrücklichem Bezug darauf. Das Ranking bleibt an der Spitze unverändert: Sachsen vor Bayern, dahinter Hamburg, Baden-Württemberg und das Saarland. Am Ende stehen Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt; Schlusslicht bleibt Bremen, das zugleich am stärksten zurückfällt.
Der Satz, auf den es ankommt, steht in der Überschrift der Meldung: Das Bildungsniveau sinkt in allen Bundesländern. Ein Ländervergleich, der nur die Rangfolge referiert, verdeckt genau das — die Plätze bleiben, das Niveau fällt.
Das Schwerpunktthema läuft dem PISA-Befund entgegen
Der Monitor untersucht diesmal die soziale Mobilität durch Bildung — und findet dort eine Bewegung in die andere Richtung: Der Bildungsaufstieg junger Erwachsener hat von 2004 bis 2014 und noch einmal von 2014 bis 2024 zugenommen. Getragen wird er vor allem von der beruflichen Bildung und den Hochschulen, also von Stationen nach der Schule.
Studienleiter Axel Plünnecke fasst den Doppelbefund so zusammen: Bildung ermögliche weiterhin Aufstieg, und der Aufstieg habe in zwei Jahrzehnten zugenommen — „zugleich ist jedoch, wie PISA aktuell wieder zeigt, auch die Bildungsarmut gestiegen“.
Das ist der eigentlich interessante Widerspruch dieser Woche. Zwei Messgrößen desselben Systems laufen auseinander: die Kompetenz am Ende der Pflichtschulzeit sinkt, die Aufstiegsmobilität über den gesamten Bildungsweg steigt. Ein Widerspruch ist das nur scheinbar — die Größen messen verschiedene Zeitpunkte und verschiedene Populationen. Aber sie taugen auch nicht als wechselseitige Entlastung: Wer auf die gestiegene Mobilität verweist, widerlegt den PISA-Befund nicht, und umgekehrt.
Die Zahl, die über den Schulbereich hinausweist
Knapp ein Fünftel der jungen erwachsenen Bevölkerung — 18,8 Prozent — verfügt über keinen formalen Berufsabschluss. INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben nennt den Befund insgesamt ein „Armutszeugnis für den Bildungsstandort Deutschland“.
Diese Größe verbindet die PISA-Debatte mit der Ausbildungsseite — und sie ist genau die Stelle, an der auch die Tagespresse diese Woche angekommen ist. Der Anteil ohne Berufsabschluss ist der Ort, an dem ein niedriges Kompetenzniveau volkswirtschaftlich sichtbar wird, nicht das Testergebnis selbst.
Vier Reformprioritäten — und wo sie mit der PISA-Woche deckungsgleich sind
Die INSM leitet vier Prioritäten ab: gezielte Sprach- und Frühförderung mit verbindlichen Sprachtests, gezielte Förderung von Risikogruppen über Programme wie das Startchancen-Programm, Stärkung der beruflichen Nachqualifizierung und datengestützte Qualitätsentwicklung mit mehr Schulautonomie bei gleichzeitig regelmäßigen standardisierten Tests.
Drei der vier decken sich mit dem, was die PISA-Woche gefordert hat. Neu ist allein die berufliche Nachqualifizierung — sie kommt in den dreizehn Handlungsoptionen des nationalen Berichtsbands nicht vor, weil deren Blick an der Schwelle zum Schulabschluss endet. Wer die 18,8 Prozent ernst nimmt, muss dort weiterrechnen.
Reaktionen der Verbände am 14. September
- Deutscher Philologenverband: Konsequenz müsse Frühförderung und verbindliche Sprachförderung sein; zugleich Warnung vor einer „Gewöhnung an Lehrkräftemangel“ und Forderung nach einem Ende des fachfremden Unterrichts.
- Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband: Forderung nach einem Sondervermögen Bildung — ausdrücklich mit Verweis auf die PISA-Ergebnisse, den Lehrkräftemangel und die stockende Reform der Lehrkräftebildung.
- Bundeselternrat: begrüßt die 56 Handlungsempfehlungen der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ und hebt hervor, dass sie Verantwortung nicht allein Kindern, Jugendlichen oder Eltern zuweisen.
Was der Nachtrag an der Gesamtdeutung ändert
An der Diagnose wenig: Die größte deutsche Bildungsvergleichsstudie liefert sechs Tage nach PISA im Kern dasselbe Bild — sinkendes Niveau, starke Herkunftsabhängigkeit, Handlungsbedarf bei früher Förderung und Risikogruppen.
An der Debattenlage mehr, als der Abstand von wenigen Tagen vermuten ließe. Drei Bewegungen sind erkennbar: die Verlagerung auf die Anschlussfrage (Ausbildung, Berufsabschluss, Fachkräfte), die Verschiebung der Zuständigkeit von der Bildungspolitik zu Elternhaus und Gesellschaft — und, als Gegengewicht zum Krisenbild, der Befund der gestiegenen Aufstiegsmobilität. Der nächste gesetzte Termin ist der bundesweite Bildungsprotesttag am 19. September.
Zur Reichweite dieses Nachtrags: Geprüft wurden zwei Fachportale, zwei überregionale Tageszeitungen und die Primärmeldungen. Regionalpresse, Rundfunk und Fachzeitschriften sind nicht systematisch erfasst; für den 15. September selbst lag zum Redaktionsschluss noch keine vollständige Indexierung vor. Die Aufzählung ist also belastbar für das, was sie zeigt, und nicht vollständig für das, was es gibt.
08
Bewertung
Synthese: Konsens, Konflikt, Leerstellen
Was in dieser Woche tatsächlich Konsens war
Über nahezu alle Lager hinweg – Ministerien, Fraktionen (außer in der Begründung), Verbände, Wissenschaft, Wirtschaft – wurden vier Maßnahmen genannt. Sie sind der belastbare gemeinsame Nenner:
| Maßnahme | Status | Getragen von / Konfliktpunkt |
|---|---|---|
| Verbindliche vorschulische Sprachdiagnostik mit Pflichtförderung | Konsens | PISA-Konsortium, Wößmann, Prien, Stolz, Jung, DL, DPhV, Pawlik, Fröbel, SPD, Grüne, AfD. Streit nur über Zeitpunkt (BW: früher als 4,3 Jahre), Trägerschaft und Finanzierung (SCQEG). |
| Bedarfsorientierte statt pauschaler Schulfinanzierung | Konsens | Konsortium, Schleicher (England-Modell), Streichert-Clivot, SPD, Grüne, GEW, DKHW. Streit über Volumen: 10 % der Schulen (Ist) gegen 30–50 % (SPD) gegen Verstetigung als Systembestandteil (GEW). |
| Datengestützte Lernstandsbegleitung („Kanada-Modell“) | Konsens | Konsortium, Schleicher, Wößmann, Dulger, Prien, Stolz, Feller, Grüne (Schüler-ID/Bildungsverlaufsregister). Widerstand implizit von der GEW, die die Test- und Vergleichslogik seit 2001 für einen Teil des Problems hält. |
| Basiskompetenzen als Priorität | umstritten | Von fast allen getragen – offen abgelehnt von der Bundesschülerkonferenz („wird uns langfristig nicht weiterhelfen“) und implizit von allen, die auf Wohlbefinden, Beteiligung und Persönlichkeitsbildung setzen. |
Was strittig blieb
- Ursachengewicht Migration. Konsortium: nachrangig nach Kontrolle. Länder (teilweise) und AfD: zentral. Fachlich sauber ist die Trennung von Brutto- und Nettodifferenzen; sie fand in der öffentlichen Debatte praktisch nicht statt.
- Struktur des Schulsystems. Schleicher kritisiert die frühe Aufteilung direkt, die GEW fordert das gesamte Schulwesen auf den Prüfstand. Kein einziges Ministerium griff das auf – trotz eines Gymnasium-Abstands von bis zu 128 Punkten. Das ist die größte Diskrepanz zwischen Befund und politischer Reaktion.
- Wissen oder Kompetenz. Die England-Erzählung führt eine curriculare Grundsatzfrage zurück in die deutsche Debatte, die hier seit 2003 als entschieden galt.
- Digitalisierung. Handyverbot und Social-Media-Regulierung (RLP, Hessen, Grüne) gegen digitale Kompetenzförderung (Hessen: neues Fach; AfD dagegen). Der PISA-Befund stützt beides zugleich: Ablenkung schadet, Nutzungsqualität hilft.
- Wirksamkeit statt Neuauflage. Dulgers Forderung, bestehende Programme zu evaluieren, bevor neue aufgelegt werden, ist die unbequemste – und blieb politisch unbeantwortet.
Leerstellen der Debatte
- Berufliche Bildung. PISA misst 15-Jährige, ein Drittel von ihnen ohne Basiskompetenzen – die Anschlussfrage nach Ausbildungsreife und Übergangssystem wurde fast ausschließlich von der Wirtschaft und aus der Fachpresse der beruflichen Bildung gestellt, nicht von der Bildungspolitik.
- Sekundarstufe I. Sämtliche Empfehlungen zielen auf Kita, Grundschule und Systemsteuerung. Der Unterricht der 5. bis 9. Klasse – in dem die getesteten Jugendlichen die letzten vier bis fünf Jahre verbracht haben – kam als Handlungsfeld kaum vor, obwohl PISA für Klassenführung und konstruktive Unterstützung unterdurchschnittliche Werte ausweist.
- Finanzierung. Außer der SPD (Vermögen und Erbschaften) und dem didacta-Verband (Kürzungen im Bundeshaushalt) nannte niemand eine Finanzierungsquelle. Der Kita-Streit zeigt die Realität: Standards steigen, Mittel nicht.
- Keine Länderergebnisse. PISA 2025 weist keine belastbaren Landeswerte aus (Streichert-Clivot: „Für das Saarland gibt es keine eigenen belastbaren PISA-Ergebnisse“) – der föderale Vergleich, der Reformdruck erzeugen würde, findet erst wieder über den IQB-Bildungstrend statt.
- Lehrkräftebildung und -zeit. Zwar von fast allen genannt, aber ohne Zahl: Schleichers Hinweis auf 11–12 Unterrichtsstunden pro Woche in chinesischen Regionen und Brands Forderung nach festen Fortbildungszeitfenstern blieben folgenlos.
Einordnung
Die Nachlese der ersten Woche zeigt ein Muster, das Jan-Martin Wiarda präzise benannt hat: Die Diagnose ist schärfer als 2022, die Maßnahmenliste aber weitgehend identisch – und die Antwort der Politik lautet in beiden Fällen, man sei bereits auf dem richtigen Weg, es brauche nur Zeit. Neu sind drei Elemente: erstens der explizite Empfehlungsteil des nationalen Berichtsbands, der die Diskussion erstmals auf ein gemeinsames, zitierfähiges Set von 13 Optionen stellt; zweitens der Befund, dass die soziale Ungleichheit gegen den OECD-Trend wächst, was die Standarderklärung „internationaler Abwärtstrend“ entkräftet; drittens die Verschiebung der Verantwortungszuschreibung zum Elternhaus durch den Bundeskanzler, die die Debatte innerhalb von 24 Stunden politisiert hat. Die schärfste Formulierung des eigentlichen Problems kam dabei nicht aus der Pressekonferenz, sondern aus der Fachdebatte auf LinkedIn: Der Engpass liegt nicht im Erkennen, sondern zwischen Wissen und Wirkung (Kai Maaz, DIPF). Wer in den kommenden Monaten Wirkung erzielen will, wird am ehesten dort ansetzen, wo Konsens und Befundlage zusammenfallen und die Umsetzung bereits gesetzgeberisch offen ist: bei der verbindlichen Sprachdiagnostik und -förderung im SCQEG-Verfahren und bei der Frage, ob das Startchancen-Programm über die 10-Prozent-Marke hinaus verstetigt und ausgeweitet wird.
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Nachweise
Quellen
Alle Zahlenangaben wurden gegen die Primärquellen geprüft (OECD-Ländernotiz Deutschland und deutschsprachiger Auszug aus Band I, Zusammenfassung des nationalen Berichtsbands, OECD-Pressemitteilung). Zitate stammen aus den jeweils verlinkten Originaltexten der zitierten Organisationen bzw. aus den namentlich genannten Interviews. Nicht geprüft und deshalb im Text kenntlich gemacht: Beiträge hinter Bezahlschranken (Table.Briefings, Berliner-Zeitung-Interview, Cicero) sowie Einzelangaben aus LinkedIn-Beiträgen, die nicht in den Primärquellen auftauchen (61 % zuverlässige Digitaltechnik, estnische Punktwerte).
Primärquellen
- OECD (2026): PISA 2025 Ergebnisse (Band I) – Ländernotiz Deutschland (Autor: Francesco Avvisati)
- OECD (2026): Pressemitteilung zum globalen Launch, 8.9.2026
- OECD (2026): PISA 2025 Ergebnisse Band I – auszugsweise deutsche Übersetzung
- Greiff, Diedrich, Kastorff, Goldhammer, Köller (Hrsg.) (2026): PISA 2025 – Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformation. Zusammenfassung, Waxmann (CC BY-SA 4.0); nationaler Berichtsband
- DIPF-Pressemitteilung zu PISA 2025 · ZIB-Meldung
Politik
- BMBFSFJ / Bildungsministerkonferenz, gemeinsame Pressemitteilung, 8.9.2026
- News4teachers: Wie Politiker auf den PISA-Absturz reagieren (Länder, Pawlik, Prien, SPD)
- News4teachers/dpa: Merz-Rede, Bundeselternrat, Bundesschülerkonferenz
- SPD-Bundestagsfraktion (Esken) · Grüne Bundestagsfraktion · Die Linke (Gohlke) · AfD-Bundestagsfraktion (Reichardt) · AfD-Fraktion BW (Hörner)
- Wiarda-Blog: Interview mit Christine Streichert-Clivot, 9.9.2026
Verbände, Wissenschaft, Zivilgesellschaft
- Deutscher Lehrerverband (Düll) · Deutscher Philologenverband (Lin-Klitzing) · VBE (Neckov) · GEW (Bensinger-Stolze)
- Deutsches Kinderhilfswerk (Hofmann) · Bildungswende JETZT! – Bildungsprotesttag 19.9.2026
- Wiarda-Blog: Interview mit Samuel Greiff · Wiarda-Blog: Reaktionsübersicht (Wößmann, Dulger, Brandenburg, Spieker, Brand, Maffia/Winter, Bildungswende JETZT!)
- News4teachers: Schleicher-Zitate aus tagesschau24, FAZ und WDR 5 · News4teachers: England-Reformen (Nick Gibb)
- MiGAZIN/dpa: Greiff und Pawlik zur Migrationsfrage · Cicero (Knauss), Gegenposition – Bezahlschranke
- Deutscher Bildungsserver: Pressedossier zu PISA 2025 (kuratierte Vollübersicht der Länder-, Verbands- und Medienreaktionen)
Social Media
- LinkedIn, Auswertung vom 13.9.2026 über fünf Suchabfragen. Zitierte Beiträge: Kai Maaz (DIPF), Anne Sliwka (Universität Heidelberg, für evido.), Forum Bildung Digitalisierung, Bildungsministerium Brandenburg, Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Nora Buckwar, Michael Bellinger, Viktoria Udjbinac (didacta), Fabian Dany (Finanztip Stiftung), Andreas Höft.
- Kommentarbereiche von News4teachers und des Wiarda-Blogs (Stand 13.9.2026).
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Ebene IV
Social Media und Community-Diskurs
Methodik: LinkedIn wurde am 13.9.2026 über fünf Suchabfragen ausgewertet (deutsch- und englischsprachig, teils nach Datum sortiert). Das ist eine Stichprobe, keine Vollerhebung: LinkedIn-Suchergebnisse sind netzwerkabhängig und nicht repräsentativ. Absenz in den Treffern belegt also nicht die Absenz eines Beitrags. Die übrigen Beobachtungen stützen sich auf öffentlich zugängliche Kommentar- und Debattenräume.
LinkedIn: wo die Policy-Community die Deutung setzt
Anders als in den Lehrkräfte-Kommentarspalten verlief die Debatte auf LinkedIn ruhig und fachlich. Sie kreist nicht um Schuld, sondern um Umsetzungsarchitektur – und liefert damit den analytisch produktivsten Strang der Woche.
Der resonanzstärkste Beitrag der deutschen Bildungsforschung kam von Kai Maaz (Geschäftsführender Direktor des DIPF). Seine These verschiebt die Problemdefinition:
Maaz buchstabiert das in sechs Übergängen aus: von Diagnose zu Förderung, von Bedarf zu Unterstützung, von getrennten Zuständigkeiten zu gemeinsamer Verantwortung, von Unterricht zu tatsächlichem Lernen, von Umsetzung zu Rückkopplung, von Projekten zu dauerhaften Strukturen. Und er setzt eine Abgrenzung gegen die Heterogenitätserzählung: „Nicht die Unterschiedlichkeit der Schüler:innen ist das Problem.“ Seit PISA 2000 habe Deutschland vor allem seine Diagnosefähigkeit ausgebaut – der nächste Schritt sei die Wirkungsfähigkeit.
Anne Sliwka (Universität Heidelberg) liefert dazu das operative Gegenstück – eine „Kompetenzgarantie“ statt Einzeltests, also eine abgestimmte Förderarchitektur von der Kita bis zum Ende der Grundschule aus Bildungsplan, Lernprogressionen, früher Diagnostik, passender Förderzeit und laufender Rückmeldung, ausdrücklich unter Einbeziehung der Eltern als Partner: „Ein Test allein hilft noch keinem Kind. Entscheidend ist, was danach geschieht.“ Das ist die präziseste Antwort auf die im Abschnitt 03 genannte Handlungsoption 6.
Das Forum Bildung Digitalisierung besetzt die einzige Lücke der Pressedebatte: die neue Domäne „Lernen in der digitalen Welt“. Es berichtet 25 % gute Problemlöserinnen und Problemlöser bei gleichzeitig 25 % mit niedriger Kompetenz, einen negativen Zusammenhang zwischen KI-Nutzung und naturwissenschaftlicher Kompetenz – und einen Befund, der es in keine Pressemeldung geschafft hat: nur 61 % der Schülerinnen und Schüler geben an, dass digitale Medien an ihrer Schule zuverlässig funktionieren.
LinkedIn als Umsetzungskanal der Länder
Bemerkenswert ist, dass Landesministerien den Kanal für konkretere Angaben nutzen als ihre eigenen Pressemitteilungen. Das Bildungsministerium Brandenburg nennt dort Zahlen und Termine: Leseband ab dem Schuljahr 2027/28 verpflichtend an allen Grundschulen, Rechenband sukzessive bis 2028/29, Vorziehen der evidenzbasierten Sprachstandserhebung auf das fünfte Lebensjahr mit erneuter Überprüfung in Klasse 1, sowie 110 Startchancen-Schulen mit rund 540 Millionen Euro von Bund und Land über zehn Jahre.
Akteure, die in der Presseresonanz fehlten
Qualitätsbeobachtung: Faktendrift
Die Reichweite korreliert auf LinkedIn nicht mit der Genauigkeit. In gut sichtbaren Beiträgen finden sich Fehler, die in der Fachdebatte nicht vorkommen: Der erste PISA-Schock wird auf „vor 10 Jahren“ datiert (es waren 25), und der Anteil ohne ausreichende Lesekompetenz wird mit „rund ein Viertel“ angegeben (es ist ein Drittel; ein Viertel gilt für die Naturwissenschaften). Wer LinkedIn als Multiplikator nutzt, muss mit dieser Drift rechnen.
Der professionelle Diskurs: Kommentarspalten als Stimmungsbild
Die intensivste öffentlich einsehbare Debatte fand in den Kommentarbereichen von News4teachers statt – mit je über 100 Beiträgen unter den Kernartikeln (109 unter der Ergebnismeldung, 110 unter dem England-Vergleich, 60 unter der Merz-Meldung, 54 unter „Zehn Lehren aus PISA“). Drei Muster dominieren:
Mobilisierung
Der einzige erkennbare Fall organisierter digitaler Mobilisierung ist „Bildungswende JETZT!“: Das Bündnis koordiniert über Telegram-, WhatsApp- und Signal-Gruppen den Protesttag am 19. September und ruft zu Spenden für Bühne und Material auf. Die Zeitnähe zu PISA ist kein Zufall – das Bündnis rahmt den Tag explizit als „PISA-Schock 2001. Bildungskrise 2026. 25 Jahre Diagnose. 25 Jahre Stillstand.“ In Berlin/Brandenburg wird die Aktion zusätzlich mit der anstehenden Berlin-Wahl verknüpft.
Was auch nach der LinkedIn-Auswertung offen bleibt
In den durchgeführten Suchen tauchten keine eigenen PISA-Beiträge der großen Bildungsstiftungen (Bertelsmann, Wübben, Telekom-Stiftung) auf, ebenso wenig persönliche Beiträge von Karin Prien, Anna Stolz oder Samuel Greiff. Das ist angesichts der Netzwerkabhängigkeit der LinkedIn-Suche kein Beleg für deren Schweigen – wohl aber ein Hinweis darauf, dass sie in diesem Netzwerkumfeld nicht zirkulierten. Wer die Resonanzstruktur belastbar messen will, bräuchte einen Social-Listening-Zugang statt einer Kontosuche.